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USA: Das Ende neuer Kohlekraftwerke

28. März 2012, von

Dear coal, it's game over!

Relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Umweltagentur EPA neue Standards für den Klimaschutz erlassen. Für neue Kraftwerke werden verbindliche CO2-Grenzwerte eingeführt. Die Regel markiert das Ende von neuen Kohlekraftwerken in den USA.

Die Washington Post erklärt, welche Grenzwerte festgelegt werden:

 

The proposed rule […] will require any new power plant to emit no more than 1,000 pounds of carbon dioxide per megawatt of electricity produced. The average U.S. natural gas plant, which emits 800 to 850 pounds of CO2 per megawatt, meets that standard; coal plants emit an average of 1,768 pounds of carbon dioxide per megawatt.

In den uns bekannten Maßeinheiten (das habe ich hier umgerechnet) heißt das: Die EPA legt einen Grenzwert von 450g CO2 pro Kilowattstunde (kWh) Strom fest. Gaskraftwerke können den Standard leicht einhalten, Kohlekraftwerke dagegen nicht, sie stoßen 750g CO2 pro kWh und mehr aus.

Die Grenzwerte gelten nur für neue Kraftwerke, nicht für existierende oder solche, die im Planungsverfahren schon weit vorangeschritten sind. Von letzteren gibt es rund ein Dutzend in den USA. Die Einführung dieser Grenzwerte markiert das Ende (nicht zu verwechseln mit führt zum Ende) von neuen Kohlekraftwerken in den USA. Denn kein neues Kohlekraftwerk kann die Grenzwerte einhalten, jedenfalls nicht ohne CCS-Technologie, die andererseits betriebswirtschaftlich keinen Sinn macht.

Schon vor den neuen Grenzwerten sind die meisten Investitionen in Kohlekraftwerke in den USA auf Eis gelegt worden. Denn neue Kohlekraftwerke sind zu teuer im Vergleich zu den Alternativen. Schon heute gibt es eine Welle der Abschaltung von alten Kohlekraftwerken, weil sich ihr Betrieb nicht mehr rechnet. Die Analyse “Why Coal Plants Retire: Power Market Fundamentals as of 2012” [PDF] zeigt, warum.

Diese Regel der Umweltagentur war die einfachere. Die Einführung von CO2-Grenzwerten für existierende Kraftwerke ist weitaus schwieriger, weil sie politisch höchst umstritten ist. Die wird vor den Präsidentschaftswahlen in keinem Fall kommen. Eine heiße Kartoffel, wie man in den USA sagt und hier bei David Roberts nachzulesen ist.

In jedem Fall ein guter Tag für den Klimaschutz. Die USA bewegen sich weg von der Kohle. It is time to move beyond coal:YouTube Preview Image

Foto oben von linh.m.do unter CC BY 2.0.

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10 Kommentare

  1. Erfreulich, mal gute Nachrichten aus dem Emissionsland Nr. 1 (sowohl absolut als auch pro Kopf) zu erhalten.

    Ob die Methanemissionen beim Shalegas-Fracking in der Rechnung der gesamten Emissionen eines Gaskraftwerkes eingerechnet sind?
    Zweifel sind angebracht. Denn keiner hat diese Gasemissionen bisher gemessen. Aber dass sie vorhanden sind belegen die blubbernden Gasblasen in Gewässern über Frackingstellen.
    Sehr schön zu sehen und sowohl mit einem Trichter eingefangen und angezündet in einer TV-Dokumentation, die vor einiger Zeit gesendet wurde.
    Man kann also berechtigte Zweifel an der deutlich geringeren Klimarelevanz der gasbasierten Energieerzeugung angesichts der heutigen Fördermethoden beim unkonventionellen Gas haben.
    Und der Anteil des unkonventionellen Gases wird ständig größer. In den USA in Form von Flözgas, Tigt Gas und eben Shale Gas schon zu einem Anteil von nahe 50% – weiter steigend.

  2. Korrektur: absolut ist ja jetzt China das Emissionsland Nr. 1, mit seiner 4,2-fach größeren Bevölkerung. Hatte ich vergessen. Aber pro Kopf sind es die USA (nebst Vereinigten Arabischen Emiraten).

  3. Soweit ich weiss, gelten fuer den neuen CO2-Grenzwert nur die am Kraftwerk anfallenden Emissionen. Die Lebenszyklusemissionen, also auch die beim Abbau des Gases bzw der Kohle anfallen, sind hier nicht beruecksichtigt.

  4. Es wird höchste Zeit, mal eine ehrliche Gesamtbilanz der Emissionen einer bestimmten Art der Energierohstoffgewinnung aufzustellen und alle dazugehörigen Emissionen zusammenzuaddieren bei der Energieerzeugung.
    Die jetzigen Emissionsberechnungen im ohnehin zahnlosen Klimaschutzprozess basieren auf teilweiser Unehrlichkeit. Oder sagen wir es milder: auf Unvollständigkeit.
    Diese Forderung der ehrlichen Gesamtemissionsberechnung wird um so wichtiger, als sich der Mix der Öl- und Gasförderung immer mehr in Richtung unkonventionell und energieinputintensiv verschiebt.
    Damit wird auch der Anteil der bisher nicht berücksichtigten Emissionen immer höher. Denn natürlich muss auch der Emissionsanteil reingerechnet werden, der alleine durch die Erzeugung des nötigen Energieinputs für die Förderung ergibt, nicht nur durch technologisch bedingte Emissionen.

    Diese Forderung muss auch an die Berechnung des energy return on energy input-Verhältnisses bezogen werden.
    Alles, was einen ein umfassend berechnetes EROEI-Verhältnis von 1 oder nahe 1 hat, muss unterlassen werden.

  5. Thema Klimawandel mal allgemein:

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,825148,00.html

    Interessant der Hinweis darauf, dass 90% der zusätzlichen Wärmemenge von den Ozeanen aufgenommen wurde.
    Das stützt meine These von der klimatischen Pufferwirkung der Ozeane, was ich imme gerne als “thermische Trägheit” des Klimas allgemein und der Weltmeere im Besonderen bezeichne.

    Aber wir wissen ja auch aus anderen Berichen der Physik: wirkt eine Parameteränderung permanent auf ein träges System ein und verstärkt sich diese Parameteränderung auch noch fortwährend, wird irgendwann die Trägheit des Systems überwunden und es resultiert eine Eigendynamik, die dann wiederum kaum zu stoppen ist.

    Nach meiner Meinung hat die im Verhältnis zur sehr starken Parameteränderung (CO2-Anstieg, Gesamtwärmemengenanstieg) nur relativ geringe Erhöhung der Durchschnitts-Lufttemperatur eben ihre Ursache in der sehr starken Systemträgheit, bedingt durch die Trägheit der Erwärmung der ungeheuren Wassermassen in den Ozeanen.
    Davon haben wir bisher profitiert. In der Zukunft wird sich diese Pufferwirkung nicht mehr in dem Maße wie bisher auswirken, weil nun die bisher ganz allmählichen Temperatursteigerungen der Weltmeere auf die Lufttemperatur rückkoppeln. Außerdem dürften insbesondere die Wassertemperaturen im Berich der Arktis und des Nordatlantik durch die im Sommer stark veränderte Albedo infolge des Schmelzens des Meereises eine stärkere Aufwärttendenz erfahren, was dann mit Verzögerung auch andere Bereiche der Ozeane betrifft.

    Das sind dann diese berühmten Tipping Points.

  6. O.T., aber interessant,
    über den Shalegasstreit in Österreich:

    http://derstandard.at/1332323983885/Weinviertel-Kein-Ende-im-Schiefergas-Krieg

  7. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,825973,00.html

    Diese beiden Studien bestätigen genau meine These den zunehmenden und beschleunigenden Auswirkungen von Rückkopplungsprozessen nach der Überschreitung von Kipppunkten.

    Zitat:

    “Unsere Klimamodelle zeigen, dass es bei einer langsamen Steigerung der Temperaturen einen Kipppunkt gibt”, sagte Mark Pagani, einer der Autoren der Studie. “Wenn man ihn überschreitet, geht die Sache richtig los.”
    Zitat Ende

    Erst seit gut 20 Jahren gibt es bedeutende Albedoänderungen in der Arktis und das fortschreitende immer tiefere Auftauen der subarktischen Permafrostböden. Vor 1990 waren diese Veränderungen kaum gegeben, setzten dann in den 90er Jahren mit großer Intensität ein.
    Die Emissionen aus den Permafrostböden z.B. haben sich nicht nur verstärkt, es gibt noch einen weiteren Effekt:
    bis Anfang der 90er Jahre tauten im Sommerhalbjahr die oberen 1 bis 3 Meter des Permafrostes auf (je nach regionaler Situation) und froren im Winterhalbjahr wieder komplett nach unten zu, so dass sozusagen alter Permafrost und zuvor augetauter und wieder zugefrorener Bodenbereich im Winter eine Einheit bildeten. Die Emissionsmenge aus dem Boden bildeten im Sommerhalbjahr in etwa eine Glockenkurve.

    Heute ist das prinzipiell anders: im April/Mai wird jedes Jahr ein gewaltiger Emissionsschub registriert, der über dem mittsommerlichen Maximum liegt.
    Das liegt daran, dass der Boden so weit aufgetaut ist, dass er nicht mehr bis zum alten Permafrost zufriert. Auftautiefen von deutlich über 5 Meter sind keine Seltenheit, wie ich gelesen habe.
    Deshalb können die methanbildenden Mikroorganismen im Boden zwischen dem oberflächlich zugefrorenen Bereich und dem Permafrost den ganzen Winter hindurch ihre Arbeit verrichten und der Auftauprozess im nicht mehr zufrierenden Bodenbereich geht den ganzen Winter über weiter. Denn die Mikroorganismen produzieren ja auch Wärme.

    Sehr schön war das an einem Experiment zu sehen, dass das Heute-Journal vor etwa 4 Jahren von einem Einheimischen durchführen ließ. Er hackte im November an einem der unzähligen neuentstandenen Seen in einer der unzähligen neuentstandenen Bodensenken das Eis auf, dass sich einige Wochen vorher gebildet hatte. An dem kleinen Loch zündete es das autretende Mthangas an, das forwährend mit einer ca. 30 cm hohen Flamme brannte.
    Dann vergrößerte er das Loch und es entstand kurzzeitig eine etwa 3 Meter hohe Stichflamme. In den wenigen Wochen nach dem Zufrieren hatten sich also unter dem Eis bereits große Mengen an Methan angesammelt, die dann im April/Mai nach dem Auftauen des Eises mit einem mal freigesetzt werden. Als Ergenis des immer weiteren Auftauprozesses in immer größeren Tiefen den ganzen Winter über.

    Ein typischer Rückkopplungseffekt. Der Tipping Piont war in den 90er Jahren das nicht mehr komplette Zufrieren des Bodens. Und dieser Effekt betrifft immer größere Gebiete der riesigen Permafrostgebiete. Die entstandenen Bodensenken haben regional schon eine Tiefe von etwa 30 Metern. Vorher gab es diese Senken und die darin befindlichen Seen nicht.
    Es gibt noch viel nach unten aufzutauen. Der Permafrost in Nordostsibirien ereicht eine Machtigkeit bis über 800 Meter. Freilich wird er nicht gänzlich auftauen. Aber für viel Emissionsnachschub ist trotzdem gesorgt.

    Und sollten erst einmal Rückkopplungen in den maritimen Gashydraten, der größten irdischen Kohlenstoffquelle, in relevantem Ausmaß losgehen, dann Gute Nacht:

    http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/klima/klimawandel/tid-24641/bedenkliche-entwicklung-riesige-methanfontaenen-in-nordsibirien-entdeckt_aid_700326.html

  8. Im Blog oben hatte ich geschrieben, dass die EPA “relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit” die neuen Standards erlassen. Pustekuchen. Inzwischen toben die rechten Medien, die Kohlelobby sieht sich vorm Aussterben bedroht. Politico fasst es heute so zusammen:

    BANG, BANG, KNOCK ON THE DOOR: The Wall Street Journal’s editorial board blasted EPA’s proposed carbon standards for power plants Wednesday. The board says the rule formalizes the administration’s long-standing plan to ban coal, takes aim at EPA’s assessment of the rule’s economic impacts and accuses the Obama administration of lying when it says the new rules won’t apply to existing coal plans. The board writes: “Whenever a plant upgrades — whether installing a new fan blade or replacing the proverbial toilet seat — it must comply with every rule on the books. So as a utility obeys the mercury rule, say, it will also be caught in the pincer movement of these new carbon performance standards. The green lobby knows this will slowly kill even current coal plants over time.” http://on.wsj.com/HYsYJi.

  9. [...] Mai 2012, von Arne Jungjohann Die Kohleindustrie steht mit dem Rücken zur Wand. Über das Ende neuer Kohlekraftwerke hatte ich zuletzt geschrieben. Sie werden deshalb nicht mehr gebaut, weil Umweltgruppen die Pläne [...]

  10. [...] mehr Umwelt- und Klimaschutz durchgesetzt (etwa schärfere Verbrauchsstandards für LKW und PKW, Abgas- und Klimastandards für Kraftwerke und Fabriken). Dabei  hat sich Jackson nicht nur mit den Republikanern angelegt, sondern auch mit [...]

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