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Zum Weltbankbericht “Inclusive Green Growth”

13. Mai 2012, von

Wenige Wochen vor der Rio2012-Konferenz ist das Thema Grüne Ökonomie in aller Munde. Umfassende Berichte haben bisher vor allem UNEP und die OECD vorgelegt. Nun ist der lang erwartete Bericht der Weltbank da mit dem Titel “Inclusive Green Growth”. Doch auch wenn sich die Weltbank in die anderen Berichte einreiht und behauptet, die würden alle die gleiche Botschaft haben, so gibt es zwischen ihnen doch erhebliche Unterschiede. Nicht zuletzt den, dass UNEP von “Grüner Ökonomie” und die OECD und Weltbank von “Grünem Wachstum” sprechen. Eine Analyse der verschiedenen Konzepte hat Barbara Unmüßig hier vorgenommen.

Hier soll es nun konkret um ein paar Anmerkungen, Überlegungen und Bewertungen zum aktuellen Weltbankbericht gehen. Dabei ist es wichtig zu verstehen, wer die Hauptzielgruppe des Reports ist: Es geht um die Regierungen der Entwicklungsländer und ihre Berater/innen, die davon ausgehen, dass arme Entwicklungsländer zunächst einmal das Recht auf Entwicklung haben, egal, wie CO2- und ressourcenintensiv diese ist, und sich nur die reichen Länder eine Grüne Ökonomie leisten können. Diesem Irrglauben mit klaren Argumenten, Zahlen und vielen positiven Beispielen entgegenzutreten, ist ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte.

In diesem Kontext z.B. verbuche ich positiv, dass sich die Weltbank intensiv mit der Frage auseinandersetzt, wie in Entwicklungsländern Subventionen für fossile Energie abgebaut werden können, ohne die Armen zu belasten und zu sozialen Verwerfungen und Konflikten beizutragen (beispielsweise durch plötzlich ansteigende Nahrungsmittelpreise, die vom Öl-/ Benzinpreis abhängig sind). Ebenso wichtig ist die Betonung der Dringlichkeit unseres Handelns – dass wir es uns nämlich nicht leisten können, weitere Jahre oder gar Jahrzehnte falsch zu investieren, da Biodiversitätsverlust und Klimawandel irreversibel sind. Hier betont die Weltbank auch zum Glück noch einmal die historische Verantwortung der Industrieländer. Fast schon überraschend – auch angesichts des Portfolios der Weltbank insgesamt – ist die klare Verdammung von Teersanden, Schiefergas, Tiefseebohrungen und Kohleverflüssigung als Irrweg aus der jetzigen Energiekrise.

Was fehlt im Bericht? Leider doch Entscheidendes, darunter z.B. klare Ziele für Emissionsreduktion, Biodiversitätsschutz, Ressourceneffizienz oder Abfallvermeidung. Der Dringlichkeitsappell verhallt damit in der Leere. Ebenfalls fehlen klare Ansagen darüber, welche Technologien nicht nur grün, sondern auch sozial und ökologisch akzeptabel sind. Damit einhergeht der auch in anderen Reports (siehe z.B. hier) gemachte Fehler, die Debatte um die Grüne Ökonomie nicht mit dem Menschenrechtsregime in Einklang zu bringen. Die Tatsache, dass sich eine Institution wie die Weltbank zudem in diesen Fragen geschlechterblind bewegt, ist nahezu fatal.

Ein weiterer struktureller Fehler im Report, der vielleicht nicht gleich auffällt, wenn man nicht genau hinschaut, ist das Unverständnis (oder gar der gezielte Missbrauch?) des Begriffs der Commons / Gemeingüter.  Auch nichts Neues in der Grünen Ökonomie-Debatte. Davon ist z.B. auch UNEP nicht frei. Die These heute (und auch schon 1968 bei Hardin): Natürliche Ressourcen als Commons werden ausgebeutet, weil alle Zugang haben, sie “niemandem gehören” und folglich niemand sich darum kümmert, sie zu erhalten.” Die Antwort der Ökonomen heute: Privatisieren, Ökosystemdienstleistungen bepreisen und in einigen Fällen auch gleich als Finanzmarktprodukte auf globalen Märkten handelbar machen. Die lebendige Gemeinschaft der Commons-Befürworter/innen heute hat da ganz andere Analysen und Antworten. Nachzulesen z.B. im neuen Buch “Commons – für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat” oder auch im Blog von Silke Helfrich.

Immerhin aber, könnte man sagen, setzt sich der Bericht der Weltbank mit der Kritik am Wachstumsmodell auseinander. Auch wenn die Gegenargumente etwas schwach auf der Brust daherkommen, so ist da immerhin eine Anerkennung der Notwendigkeit dieser Debatte erkennbar. Reicht das? Leider nicht, fürchte ich. Und doch ist angesichts der ungebremsten Mächtigkeit des Business as Usual-Modus insgesamt jeder Tropfen notwendig, um den Stein zu höhlen.

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3 Kommentare

  1. Wenn man eine Wirtschaft und Gesellschaft etablieren wollte, die langfristig ressourcenpolitisch, klimapolitisch, ökologisch und sozial verantwortbar (bzw. verantwortlich) ist, müssten WIR ALLE komplett anders leben.
    Das es natürlich graduelle Unterschiede des individuellen Änderungsbedarfs gibt, ist klar. Trotzdem gilt der erste Satz dieses Kommentars. Mitlesende Asketen mal ausgeschlossen.

    Und dann ist es ja nicht so, dass die OECD-Staaten schon auf einem guten Weg wären.
    Klar kann man eigenes Versagen verstecken, indem man Hochemissions-Wirtschaftsbereiche auslagert, wie das verstärkt seit ca. 25 Jahren passiert. Dann fallen halt Emissionen der Schwerindustrie in China oder Brasilien an, die aber zum guten Teil auch der Importnachfrage der OECD-Staaten geschuldet sind.
    Was bei denen zusätzlich zum steigenden Eigenbedarf Rohstoffverbräuche und Emissionen verschiedener Art in die Höhe treibt und sofort den mahnenden Zeigefinger seitens der OECD-Staaten zur Folge hat. Welche grenzenlose Heuchelei.

    Die soziale Seite ist ja offensichtlich: die sogenannten Industiestaaten (einige sind es ja kaum noch – nur noch Hochverbrauchsländer) können nur deshalb so leben und konsumieren, weil diese Lebensweise Milliarden anderer Menschen verwehrt ist. Damit stellt unsere Art des Lebens soziale Gerechtigkeit auf globaler Ebene schon mal ganz grundsätzlich ad absurdum.

    Und zur Ressourcenfrage: so lange EU-Trawler die Fischgründe vor der westafrikanischen Küste plündern (für ein Handgeld für die örtliche Oligarchie), so lange das weitaus meiste Öl und Gas in die OECD-Staaten geht, so lange Palmöl aus den Monokulturwüsten Borneos und Kolumbiens hauptsächlich in diese Länder gehen, so lange große Mengen an Holz aus Amazonien in die nimmersatten Märkte der OECD-Staaten gehen, so lange sollten sich diese Länder mit Belehrungen über Ressourcennachhaltigkeit in Richtung der Entwicklungsländer sehr zurückhalten.

    Das Paradoxon ist: Länder, die sich auf Grund ihres Hochverbrauchsstatus (und damit induzierten Hochemissionsstatus) sogenannte grüne Ökonomie “leisten” könnten, sind ja gerade aus diesem ihren Status heraus garnicht in der Lage, grüne Ökonomie zu praktizieren.
    Daran ändern auch ein 5..-7%-Anteil an Wind- und Solarenergie am Gesamtenergieverbrauch in einzelnen dieser Länder oder eine gewisse Recyclingrate prinzipiell nichts, so lobenswert und notwendig solche Entwicklungen natürlich auch sind.
    Grüne Ökonomie ist IMMER auch eine Suffizienzökonomie, von der der Westen Lichtjahre entfernt ist.

    Ich leider auch. Trotz ehrlicher Bemühungen. Und wenn schon jemand, der schon bestimmte Einsichten gewonnen hat, nicht in erforderlichem (!) Ausmaß sein Leben zu ändern vermag, wie schwierig ist es dann erst für die Gesamtgesellschaften in den Hochverbrauchsländern, die ja eine völlig andere Fokussierung haben, als eine wirkliche Veränderung des Lebensstils?
    Eine falsche Fokussierung, die auch immer mehr andere Länder erfasst, die zunehmend in einen Hochverbrauchsstatus hineinwachsen.

  2. Zum Umstand, dass UNEP und die Weltbank ihre Konzepte mit der uralten Hardinschen Tragedy of the Commons begründen:
    Wir sind bereits vor einiger Zeit auf diese hoch peinliche Begründung von UNEP gestoßen und haben daraufhin interveniert. Die Schäfchenwiesentragik war ursprünglich mal hier: http://www.unep.org/wed/greeneconomy/
    Den Abschnitt über die „Tragedy of the commons“ haben sie daraufhin raus genommen und sich entschuldigt. Es sei nicht UNEP Position… Wir haben darauf verzichtet, alle weiteren Seiten nach Spuren der Tragikkomödie abzuzusuchen.
    Beim Eröffnungspanel von McPlanet hat sich UNEP- Chef Achim Steiner allerdings auch dieser tragischen Begründung bedient, so dass doch eine tiefere Verankerung der Überzeugung, die Allmende nur durch Privatisierung und Einhegung retten zu können, sichtbar wurde.
    Insofern ist es am Ende doch nicht verwunderlich, dass sie das einfach auf eine andere Subhomepage verschoben haben, (http://www.unep.org/wed/nature/ auf die Lili hier verlinkt hat. (Die beiden Seiten sind ansonsten identisch). Ein starkes Stück ist es aber allemal.
    Vielleicht sollten wir UNEP dieses kleine Filmchen für Einsteiger in “Was sind Commons” kredenzen?! Offensichtlich haben sich noch nicht mal die Basics rumgesprochen: Hier kann man den anschauen: http://www.youtube.com/watch?v=k0ZWFPVBTws

  3. Etwas O.T, aber trotzdem interessant:
    ein Interview mit Werner Zittel zum Öl- und Gasthema:

    http://www.klimaretter.info/energie/hintergrund/11146

    Etwas Desillusionierendes ist allerdings dabei: dass der Interviewer von den “Klimarettern” das Wort “Verzicht” als “böses Wort” empfindet.
    Wenn schon die wenigen selbsternannten Klimaretter so denken, wie sollen dann erst die Milliarden Nicht-Klima-Retter denken (und handeln)?

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Autorin

Lili FuhrLili Fuhr
Lili Fuhr arbeitet zu Klima- und Ressourcenfragen. Sie hat zwei Töchter und lebt in Berlin.

Deutsche Klimafinanzierung

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